Bis zur Gründung der "treuverbundenen Lotsenbrüderschaft zu Övelgönne und Neumühlen" am 13. Januar 1745 war das Flußlotsenwesen auf der Elbe ein ungeregeltes Gelegenheitsgewerbe, das von Leimsiedern, Fischern und anderen Elbbewohnern ausgeübt wurde. Für die Gründungsmitglieder, die in Övelgönne und Neumühlen wohnten, bot sich ein Zusammenschluß an. Ihre Häuser lagen nächst der "Kuhl", einem tiefen Abschnitt des Elbfahrwassers vor Altona, wo einkommende Schiffe warteten, um über die Untiefe des sogenannten "Hamburger Sandes" querab von Altona in den Hamburger Hafen gebracht zu werden.

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Das Lotsenzeichen der Lotsenbrüderschaft von Övelgönne und Neumühlen

Der Elblotse, Die (nicht mehr) neue und die alte Zeit.
Der Elblotse, Die (nicht mehr) neue und die alte Zeit.
"Wenn er wach ist, dann grantelt er, und wenn er schläft, dann schnarcht er. Was er meint ist richtig, und was er macht ist wichtig." (Freie Übersetzung aus dem Plattdeutschen)

Speisekarte der 150jährigen Jubelfeier der Lotsenbrüderschaft von Övelgönne und Neumühlen
Speisekarte der 150jährigen Jubelfeier der Lotsenbrüderschaft von Övelgönne und Neumühlen

Der Gründung vorausgegangen war eine bisweilen gewalttätige, da ruinöse Konkurrenz unter den Lotsen, was die Einführung von verbindlichen Regeln nahelegte. In einer 26 Artikel umfassenden Satzung regelte die neugegründete Brüderschaft ihre Interessen. Darunter fielen Ehre und Anstand der Lotsenbrüder, Vorstand und Kassenführung, die Abschirmung gegen außenstehende Konkurrenten sowie die Versorgung von Witwen und Waisen.

Auch das Verhalten innerhalb der Bruderschaft wurde geregelt. So durfte bei Flußaufwärtsfahrten fortan niemand einen Lotsen seiner Brüderschaft mehr als 1 Reichstaler pro Fuß unterbieten, wobei sich das Maß auf den Tiefgang des jeweiligen Schiffes bezog. Eine genaue Angabe hierüber zu erhalten, war für den Lotsen unerläßlich, um die Schiffe in den schwierigen und seichten Fluß- und Küstengewässern sicher zum Hafen zu führen. Gab der Kapitän einen niedrigeren Tiefgang an, um Lotsengeld zu sparen, so war der Lotse von jeder Verantwortung befreit.

Nicht zuletzt wegen dieser Umstände sind Bleilot und Tonne die alten Symbole der Lotsenschaft, wovon das Lot ihr auch den Namen gab.

1749 bezogen die Lotsenbrüder von Övelgönne und Neumühlen das Wirtshaus auf der Bösch als Wach- und Bereitschaftshaus. Am Ausgang des Bütteler Kanals auf dem Außendeich bei St. Margarethen gelegen, ging man hier neben der ehrenwerten Lotsentätigkeit auch einer anderen einträglichen Nebenbeschäftigung nach: dem Schmuggeln, was von den Lotsenwirten offenbar verständnisvoll und nicht ohne Vorteil begünstigt wurde.

Um sich gegen all die irdischen Versuchungen des Böscher Wirtshauses abzusichern, waren die "Bösch-Lotsen" treue Kirchgänger, die am Sonntagmorgen in langen Reihen über den Außendeich nach der Kirche von St. Margarethen zogen. Dort hatten sie ihre festen Kirchenstühle. Im Kirchengebet hieß es damals: "Gott schütze unsere Dämme und Deiche, Schleusen und Wettern, auch alle Reisenden zu Lande und zu Wasser, insonderheiten die hier auf der Bösch stationierten Lotsen." Für dieses Gebet bekam der Pastor zweimal im Frühjahr eine Stiege lebender Schollen, die aus der Lotsenkasse bestritten wurde.

Nach dem Krieg 1870/71 nahmen Handel und Schiffahrt in Deutschland einen gewaltigen Aufschwung. Die sich entwickelnden großen Reedereien nahmen eine Reihe von Lotsen, die sogenannten Kontorlotsen, in ein festes Anstellungsverhältnis und fuhren sie mit eigenen Booten zu ihren Schiffen hinaus. In diese Zeit fällt auch der allmähliche Übergang von der Segelschiffahrt zur Dampfschiffahrt. Auch das Lotsenwesen hatte daran seinen Anteil. 1882 wurde der erste Lotsenversetzdampfer auf der Elbe in Dienst gestellt, und im Jahre 1895 wurde die Station der Flußlotsen nach Brunsbüttelkoog verlegt.

Es dauerte bis 1905, daß auch die Flußabwärtsfahrt einheitlichen Regeln unterworfen wurde. Im Jahre 1910 gründeten die Övelgönner und Neumühler Lotsen gemeinsam mit den Brüderschaften der hannöverschen, der Glückstädter, der Bankeneser und der Hamburger Elblotsen den Allgemeinen Elblotsenverein, ohne jedoch ihre eigene Existenz aufzugeben. Erst 1943 fusionierten sie zur Lotsenbrüderschaft Hamburg, die sich 1956 mit den Cuxhavener Seelotsen zur heutigen Lotsenbrüderschaft Elbe vereinigte.