Altonaer Nachrichten, Januar 1892
Durch eine gewaltige Feuersbrunst, wie wir seit einer Reihe von Jahren in Altona nicht gehabt, wurde vergangene Nacht die in Neumühlen beim Quai gelegene, erst vor mehreren Jahren erbaute große C. Hedrich'sche Dampfmühle fast auf den Grund eingeäschert.

Die Ruine der Hedrich'schen Mühle 1892
Die Ruine der Hedrich'schen Mühle 1892
(Foto: Familienarchiv Hedrich, Hamburg)

Die Belegschaft der Hedrich'schen Mühle 1915
Die Belegschaft der Hedrich'schen Mühle 1915
(Foto: Familienarchiv Hedrich, Hamburg)

Blick auf die Hedrich'sche Mühle um 1923
Blick auf die Hedrich'sche Mühle um 1923
(Foto: Familienarchiv Hedrich, Hamburg)

Das Feuer wird zweifellos lange Zeit im Innern gewüthet haben, denn wenige Minuten nachdem die Flammen zum Dach herausschlugen, stand der ganze Dachstuhl des umfangreichen Gebäudes in Flammen. Die hiesige städtische Feuerwehr rückte gleich, nachdem von verschiedenen Feuermeldestationen und von dem Thurme der Hauptkirche durch Glockensignale "Großfeuer" gemeldet, mit sämmtlichen disponiblen Feuerwherleuten, Angestellten der Straßenreinigung und beiden Dampfspritzen nach der Brandstätte.

Die unmittelbar bei der Mühle befindliche mit Treibeis bedeckte Elbe und das hohe bewaldete schneebedeckte Hinterland von Neumühlen und Oevelgönne bot, beleuchtet von den hoch auflodernden Flammen, einen ungemein pittoresken Anblick. Der Himmel war weithin sichtbar geröthet und bald wallfahrten viele Tausende nach der Brandstätte und standen auf den dieselbe umgebenden Höhen, insbesondere in dem gleich hinter der Brandstätte gelegenen städtischen, vormals Wriedt'schen Park, von wo man ungestört den Fortgang des Feuers betrachten konnte.

Da dasselbe immer gewaltigere Dimensionen annahm, erschien auch die Hamburger Feuerwehr mit zwei Zügen, welche mit Fährbooten an Ort und Stelle befördert worden, zur Hülfeleistung, auch Mannschaften der Ottensener Freiwilligen Feuerwehr waren beim Feuer und stellten ihre Kräfte zur Verfügung.

Die Feuerwehr hatte einen schweren Stand. Bei dem scharfen Ostwind und einer Kälte von -9 Grad gefror ihnen das Wasser unter den Händen, die Leute selbst bildeten bald förmlich Eiszapfen und waren kaum im Stande, auf dem festgefrorenen spiegelglatten Erdreich vorwärts zu kommen.

Der Inhaber der Mühle ist gegenwärtig verreist. Die Getreidevorräthe und das sonstige Inventar der Mühle sind bei der Magdeburger Feuerversicherungsgesellschaft, die Gebäude bei der Landesbrandkasse versichert. Erstere ist durch Rückversicherung gedeckt. Es handelt sich um einen Totalverlust, der auf über eine Million Mark geschätzt wird.

Menschen sind bei der Feuersbrunst glücklicherweise nicht erheblich zu Schaden gekommen. Zwei Leute wurden durch herunterfallende Steine getroffen, jedoch nicht erheblich verletzt. Das brenndende, umherfliegende Getreide verursachte ein colossales Funkenfeuer. Vorwärts getrieben durch den Ostwind, fielen die Funken auf verschiedene nach Westen gelegene Häuser in Neumühlen und dem Vorort Oevelgönne, sowie auf die Bäume. Da Dächer und Bäume mit Schnee bedeckt sind, richtete das Funkenfeuer keinen weiteren Schaden an.

Zu dem Feuer in der Hedrich'schen Dampfmühle ist noch mitzuteilen, daß durch den Brand der Mühle, der dieselbe vollständig eingeäschert und an eine Wiedereröffnung des Betriebes einstweilen nicht zu denken, mehr als 100 Arbeiter brotlos geworden sind.