Georg Lührs letzte Segelschiffsreise als Steuermann auf der Hamburger Bark "Bertha"; Hamburg - East London - Buenos Aires - Sydney - Port Pierl - Antwerpen vom 31.07.1902 - 19.01.1904

Die Hamburger Bark "Bertha", Kapitän Alster, Reederei Schmidt, welche mit 2.500 Tons Weizen von Argentinien abgegangen war, kam in schwer beschädigten Zustande mit erheblicher Schlagseite nach Steuerbord hier an. Das Schiff verließ Buenes Aires am 5. Mai und hatte während der ersten Woche gutes Wetter mit mäßigen Winden. Bald aber folgte im Südatlantischen Ozean eine Reihe von entsetzlichen Stürmen, welche viele Tage anhielten. Am 12. Mai nahm der Wind, welcher nördlich war, allmählich an Stärke zu, bis er mit orkanartiger Gewalt wehte. Das Schiff arbeitete schwer, und berghohe Seen brachen mit furchtbarer Wucht über das Schiff herein. Eine riesige See riß das Rettungsboot an Steuerbord aus den Davids und wusch es über Bord, wobei die Davids stark verbogen wurden. Ein bis zwei Stunden später traf eine andere ungeheure See das Schiff und verbog und zerbrach eine Anzahl Reelingstützen. Die nach dem Hinterdeck führenden Treppen wurden zertrümmert und über Bord gewaschen. Das Deck war beständig unter Wasser, und alles, was nicht besonders befestigt war, wurde über Bord gewaschen. In der hinteren Kajüte stand das Wasser drei Fuß hoch und es war zu befürchten, daß ein Teil des Wassers auch seinen Weg in den Schiffsraum gefunden hatte.

Segelschiff Bertha
Die "Bertha", aufgenommen vermutlich 1904 vor Antwerpen

Georg Lührs, aufgenommen vor 1914
Georg Lührs, aufgenommen vor 1914

Drei Mal war die "Bertha" während des Sturmes gezwungen, für längere Zeit beizudrehen. Endlich jedoch begann der Wind abzuflauen und es trat wieder ruhigeres Wetter ein, welches aber nicht von langer Dauer war. Am 30. Mai, gerade zu Pfingsten, bei Umsegelung des Kaps der guten Hoffnung, lief die "Bertha" in einen starken Orkan hinein. Nach dem Bericht der Schiffsbesatzung wehte der Wind viele Stunden mit furchtbarer Gewalt. Die schweren Seen, welche beständig das Deck überfluteten, fügten dem Schiff erheblichen Schaden zu. Das zweite Rettungsboot, welches an Backbordseite in den Davids hing, wurde mit solcher Kraft von einer überkommenden See getroffen, daß es vollständig in Stücke zerschlagen wurde. Einige Minuten später traf eine andere See das Steuerrad und beschädigte es derart, daß es vollständig unbrauchbar wurde. Man mußte nun mit dem Schiff beidrehen, und trotz des entsetzlichen Wetters gelang es dem Zimmermann unter Asisstenz einiger Matrosen, die zertrümmerten Teile des Steuerrades zusammen zu laschen. Durch diese notdürftige Reparatur ward man in Stand gesetzt, das Steuerrad wieder zu gebrauchen, und das Schiff konnte wieder auf seinen Kurs gebracht werden.

Aber man war noch nicht weit gekommen, als der Sturm, welcher inzwischen etwas abgeflaut war, wieder an Stärke zunahm und nun einige Tage lang mit entsetzlicher Heftigkeit wütete. Die "Bertha" mußte wiederum beigedreht werden, und das Schiff schlingerte, stampfte und arbeitete so schwer, wie nie zuvor. Die Schiffsbesatzung hatte eine grauenhafte Zeit durchzumachen, doch tat jeder sein bestes und arbeitete willig Tag und Nacht während der Dauer des Unwetters. Eine furchtbare Woge zertrümmerte das vordere Deckshaus und vernichtete die Rettungsboote, welche auf demselben lagen. Verschiedene Skylights wurden zerschlagen und den Deckbauten schwerer Schaden zugefügt. Dieselbe See flutete wieder zurück, beschädigte die Wand der hinteren Kajüte, schlug dort das Skylight ein und setzte die Kajüte unter Wasser. Als endlich die See anfing ruhiger zu werden, bemerkte man, daß das Schiff Schlagseite nach Steuerbord hatte.

Während des größten Teils ihrer Reise hatte die "Bertha" einen Sturm nach dem anderen zu bestehen, bis allmählich ein Umschlag des Wetters zum Besseren eintrat. Mit günstigen westlichen Winden lief man nun schnell die östliche Distanz ab und behielt gutes Wetter während des letzten Abschnittes der Reise. Während dieser Zeit hatte der Zimmermann unter Beihülfe einiger Leute von der Mannschaft alle Hände voll zu tun, um provisorisch die notwendigsten Ausbesserungen an dem Schiffe auszuführen. Am 30. Juni umsegelte man Tasmanien und hatte von dort bis zur Ankunft am Bestimmungsort leichten Gegenwind. Es ist bis jetzt noch unbekannt, ob und eventuell in welchem Maße die Weizenladung durch die Stürme gelitten hat, welche das Schiff durchzumachen hatte.